86159 Augsburg
Den Tagungsauftakt stellten die Grußworte des rumänischen und ukrainischen Konsulats sowie Vorstandsvertretern des Bukowina-Instituts dar. Es folgte das erste Panel zum Themenbereich „Loyalitäten, Staatlichkeit & Ethnizität“. Dabei referierten die Teilnehmer*innen aus der Ukraine und aus Deutschland unter verschiedenen Schwerpunkten. Der erste Beitrag fokussierte sich auf die gewaltsamen Auswirkungen der mehrfachen Machtwechsel in der Bukowina während des Ersten Weltkrieges. Diese wurden maßgeblich durch die Wahrnehmung der Loyalitätsausrichtung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen innerhalb der Bukowina aus Sicht der involvierten Macht-, sowie Militärakteure beeinflusst. Der zweite Vortrag behandelte, wie die polnische Minderheit in der Bukowina ihr nationales Bewusstsein von der späten Habsburgerzeit bis in die Zwischenkriegszeit Rumäniens bewahrte. Der abschließende Beitrag des ersten Panels bot einen Einblick in das derzeitige Forschungsprojekt „Bukovina as Contact Zone“ der Referentin, welches versuchte, über die historische Tradition der bukowinischen Vielfalt und Toleranz hinaus, die Lücke in der Forschung zur heutigen Situation in der Bukowina zu schließen. Diese ist geprägt von den unterschiedlichen Entwicklungen innerhalb der beiden bukowinischen Teile, die zu einer Asymmetrie in den wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen in Form von EU- und NATO-Mitgliedschaft geführt haben. Zudem geriet die rumänische Minderheit in der Ukraine in den Fokus russischer Desinformationskampagnen. An das Panel schloss sich eine lebhafte Diskussion, die insbesondere auf den letzten Beitrag und die aktuellen Geschehnisse einging.
Im zweiten Panel, welches am Nachmittag es ersten Tagungstages angesiedelt war, lag der Schwerpunkt auf „Flüssen, Wäldern und Staatsprozessen“. Beiträge aus Österreich und Deutschland befassten sich einerseits mit den Rivalitäten und Asymmetrien in vergleichender Perspektive zwischen Donau und Pruth und andererseits mit einer Analyse zu grenzüberschreitender Arbeitersolidarität in Zeiten tiefgreifender politischer Veränderungen, die zu einem besseren Verständnis von Arbeitsgeschichte, Nationalismus und die Widerstandsfähigkeit beitragen wollte.
Nach dem Panel folgte die Vorstellung des Projektes „A Physical Geography of German-speaking Literature“ von Forscher*innen der Universitäten Rom, Bergamo und Prag. Die Gruppe definierte und erläuterte zunächst den Forschungsgegenstand „Physische Literarische Geographie“ als eine Reihe von (räumlichen) Praktiken und Interaktionen wie auch Konfigurationskräften, die als dynamische Kartengebilde realisiert werden. Konkret bedeutet dies für das Projekt, dass mittels visuellen Kartendarstellungen und einem semantischen Netz Bezüge sichtbar werden, die in verschiedenen Umgebungen ins Verhältnis gesetzt werden, sodass die Beziehungen zwischen Orten und Texten, sowie zwischen Themen, Metaphern, Erzählstrukturen und intertextuellen Dynamiken sichtbar werden. Die Projektvorstellung stieß bei den Tagungsteilnehmer*innen und Gästen auf großes Interesse, da dieser innovative Ansatz und die Verbindung mit einer Plattform weitreichende Anknüpfungsmöglichkeiten boten.
Der erste Tagungstag schloss mit einer Keynote Lecture der renommierten rumänischen Wissenschaftlerin Dr. Cristina Florea (Cornell University), die unter dem Titel „Crossroads of Empire: Revolutions and Encounters at the Frontiers of Europe“ zu einer lebhaften Diskussion beitrug. Ihr Beitrag betonte, dass Regionen wie die Bukowina für die Entwicklung der modernen Staatsmacht, insbesondere in Hinblick auf ihre Ambitionen, und ihre ideologischen Motivationen in Europa im 19. und 20. Jahrhundert bedeutsam waren und auch heute noch bedeutsam sind, um darüber nachzudenken, was wir unter Europa verstehen und wie sich Transformationsprozesse zusammensetzen.


Der zweite Tagungstag am 4. Dezember begann am Morgen mit einem Panel zur Erinnerungskultur. Die Referentinnen aus Deutschland, Rumänien und Kanada stellten verschiedene Aspekte von Erinnerung sowohl unter dem Aspekt der Oral-History als auch unter musikalischer Aufbereitung und fotografisch-visueller Darstellung in ihren einzelnen Vorträgen vor. Hierbei wurden in den Diskussionen Anknüpfungspunkte zu den Diskussionsergebnissen des Vortages geknüpft, insbesondere in Hinblick auf die Führung von Oral-History Interviews aber auch, wie Nachlässe digital und ansprechend mit Kartenmaterialien für zukünftige (Forscher)Generationen zugänglich gemacht werden können.
Der Mittag und Nachmittag des zweiten Tages fokussierte zunächst den Workshop für Nachwuchswissenschaftler*innen, der erläuterte an welche Stellen sich diese wenden können, um Finanzierungen und Möglichkeiten zur Publikation zu erhalten. Zunächst wurden die einzelnen Förderprogramme und Publikationsmöglichkeiten vorgestellt. Die Schwerpunkte lagen dabei auf Möglichkeiten in den USA, Deutschland, Rumänien und der Ukraine. Basierend darauf wurden Tipps gegeben, aber auch Fallstricke und Schwierigkeiten bei den einzelnen Stiftungen und Fördermöglichkeiten aufgezeigt. Die an den Workshop schließende Pause wurde genutzt, um Kontakte zu vertiefen und hinsichtlich des Workshops weiter zu fragen.
Am Nachmittag wurden noch einzelne Projekte des Bukowina-Instituts vorgestellt, dabei schloss sich ein Rundgang durch das Institut mit besonderem Augenmerk auf dem Archiv an, um konkrete Forschungsmöglichkeiten im Institut aufzuzeigen und das Gespräch und den Austausch zwischen den Tagungsteilnehmenden zu fördern.
Bevor die Tagung zu Ende ging konnten sich die Teilnehmenden in lockerer Atmosphäre bei einem kleinen Stadtrundgang austauschen und dann abschließend bei der öffentlichen Buchvorstellung des BBC-Journalisten Nick Thorpe nochmal in die Diskussion zur Global- und Umweltgeschichte einsteigen. In der Schlosserschen Buchhandlung in Augsburg las der Korrespondent aus seinem neu erschienenen Werk „Walking Europe’s Last Wilderness: A Journey through the Carpathian Mountains“ und stellte sich den zahlreichen Fragen des Publikums, die vor allem auf Fragen zur Umwelt, aber auch zu Korruption und Grenzbeziehungen in (Ost)Europa abzielten.
An der Tagung nahmen insgesamt (Referent*innen, Moderator*innen, externe Gäste, Online-Zuhörer*innen) zwischen 40 bis 50 Personen teil.
Im Nachgang an die Tagung wurde ein gemeinsamer Austausch-Hub eingerichtet, auf welchem die Tagungsteilnehmer*innen und Interessierte weiterhin im Austausch bleiben können. Zudem wurden folgende Teilnehmer*innen gewonnen, um ihre Impulse und Forschungsergebnisse auf dem Blog des Bukowina-Instituts zu publizieren: Dr. Nadiia Bureiko (Kyiv), Tobias Neubauer (Oldenburg), Prof. Camilla Miglio (Rom), Dr. Cristina Florea (Cornell), Ioana Brunet (Regensburg) & Cristina Irian (Bukarest) sowie Dr. Olga Zaitseva-Herz (Edmonton).
Ferner evaluieren das Bukowina-Institut und die Forschergruppe aus Italien weiterführende projektbasierte Kooperationsmöglichkeiten, um die Bukowina-Forschung zwischen Deutschland und Italien auszubauen und Synergieeffekte zu kreieren.
