2. Interdisziplinäre Nachwuchstagung

Das Bukowina-Institut in Augsburg lud am 20. und 21. November Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler aus den Geistes- und Sozialwissenschaften zu einem lebendigen intellektuellen Austausch über die Geschichte und Kultur der Bukowina ein. Ziel der Veranstaltung war es, eine Plattform zu schaffen, auf der Nachwuchsforscherinnen und Nachwuchsforscher (BA, MA, Promovierende und Post-Docs) miteinander in Kontakt treten, sich vernetzen und ihre Arbeit vor Gleichaltrigen sowie etablierten Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet präsentieren konnten.

Die Teilnehmenden waren eingeladen, Themen wie jüdische und andere Minderheitenperspektiven auf die Bukowina, mentale Kartierungen und Landschaftsdynamiken, Mobilität, Multiethnizität, Familiengeschichten, literarische und künstlerische Perspektiven, Staatsbildung und Alltagsleben zu reflektieren. Den Vortragenden wurde außerdem die Möglichkeit geboten, ihre Arbeiten zu veröffentlichen, indem sie eingeladen wurden, Beiträge für den 62. Band von Danubiana Carpathica, der den jüdischen Erfahrungen in der Bukowina gewidmet ist, einzureichen.

Erster Tag

Begrüßung und Grußworte

Die Tagung wurde Mittwochvormittag mit der Begrüßung durch die Leiterin des Bukowina-Instituts, Prof. Dr. Jana Osterkamp eröffnet.

Es folgte ein Video-Grußwort der Generalkonsulin des Staates Israel in München Talya Lador-Fresher. Sie betonte die Bedeutung der Tagung für Israel, besonders in der derzeitigen Situation. Außerdem hob sie die Bukowina als Beispiel für den hohen Stellenwert jüdischen Lebens in Europa hervor.

Es folgte ein Grußwort des schwäbischen Bezirkstagspräsidenten a.D. Jürgen Reichert. Er überbrachte die Grüße der Vorstandsvorsitzenden des Trägervereins Prof. Dr. Marita Krauss und des Bezirkstagspräsidenten Martin Sailer. Danach legte Herr Reichert kurz die Geschichte des Instituts und der Partnerschaft des Bezirks Schwaben für die Bukowina dar. Er hob die Bukowina als Beispiel des gelebten Europas hervor und betonte die Notwendigkeit für die (historische) Forschung, um die Zukunft mitzugestalten und aus vergangenen Fehlern zu lernen.

Krieg und Frieden in der Bukowina des 19. Jahrhunderts

Der Beginn der Tagung richtete seinen Blick einerseits auf Kriegs- und Friedenszeiten in der Bukowina und andererseits auf die sozialen und politischen Identitätsdiskurse in der Bukowina.

Das erste Panel unter dem Titel “Krieg und Frieden in der Bukowina des 19. Jahrhunderts” wurde von PD Dr. Luminita Gatejel (IOS Regensburg) moderiert.


Dr. Ilya Berkovich, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Wien, machte mit seinem Vortrag “Der jüdische Arnaut Marcus Höffling und die Bukowina-Kriegsaushebung von 1809” den Anfang. Darin zeigte er die Bedeutung des Österreichisch-Französischen Kriegs für die Bukowina auf und ging besonders auf die Mobilmachung in der Region ein. Bis zu diesem Konflikt war die Bukowina nicht Teil des Habsburger Militärsystems. In ähnlich gelagerten Regionen waren bereits Militärreformen durchgeführt und Truppen aufgestellt worden. Wieso die Bukowina davon ausgenommen wurde, blieb eine zentrale Frage die Ilya Berkovich für zukünftige Arbeiten stellte. Am Beispiel zweier jüdischer Freiwilligen, die auf Habsburger Seite gegen Napoleon kämpften, konnte er außerdem zeigen, dass unter den Juden, anders als später im ersten Weltkrieg, keine breite Bewegung von Kriegsfreiwilligen entstand.


Dr. Remus Tanasă von der Universität Iași referierte zu “Mazzini, die rumänischen Achtundvierziger und die Bukowina”. Im Mittelpunkt standen die Verflechtungen zwischen Rumänen und anderen Europäern, die an den Revolutionen von 1848 teilnahmen oder diese unterstützten. Eine besondere Rolle spielte dabei Giuseppe Mazzini der 1851 das Europäische Demokratische Komitee in London gründete. Die Mitgliedschaft und Anwesenheit von Dumitru Brătianu in London sollte zum ersten Mal unter den westeuropäischen Entscheidungsträgern den Wunsch nach rumänischer Einheit zum Ausdruck bringen. Auch wenn es dem Komitee nicht gelang, eine Einheit der Revolutionäre zu bilden, trug die Angst davor, dass es zu einer solchen kommen könnte, zur Synchronisierung der Polizeiarbeit in ganz Europa bei. Ironischerweise bewirkten die Achtundvierziger damit mehr Zusammenhalt in Europa bei, allerdings nicht unter den Revolutionären, sondern unter ihren Gegnern. Auch die Rumänen erkannten dies und konzentrierten sich fortan auf diplomatische Mittel, um einen Nationalstaat zu erlangen.


Mit dem Einblick in sein Dissertationsvorhaben schloss Alexander Tuschinski an seinen Vortrag aus dem Vorjahr an. Unter dem Titel “’Der Nachrichtenoffizier in Czernowitz’: Demeter Ritter von Tuschinski und die Operationen der Abwehrstelle Czernowitz, 1917/1918” beleuchtete er einen neuen Aspekt aus der Biografie seines Urgroßvaters Dr. Demeter Ritter von Tuschinski. Alexander Tuschinski berichtete von seiner Archivrecherche im Österreichischen Staatsarchiv. Dabei stieß er auf bisher unverzeichnete Akten mit Operationsberichten der Abwehrstelle Czernowitz. Sie ermöglichen die Aktivitäten der Stelle und Demeters Involvierung darin nachzuvollziehen. Offen blieb die Frage, wie Tuschinski Karriere nach dem Krieg im rumänischen Justizsystem, mit seinem Dienst im Geheimdienst, der sich zum Teil auch gegen Rumänien richtete, zusammenpasst.



The Mental Map of Borderland: Regional Concepts of Bukovina

Wegen ihrer Rolle als Grenzregion, spielte Identität und Identitätszuschreibungen in der Bukowina eine besondere Rolle. Ihnen widmete sich das zweite Panel mit dem Titel „The Mental Map of Borderland: Regional Concepts of Bukovina“. Moderiert wurde das Panel von Prof. Dr. Jana Osterkamp.


Manuel Lautenbacher referierte über die „Unifizierung“ sowie das Streben nach Autonomie in der Sozialistischen Arbeiterbewegung. Dabei verzichtete er bewusst auf den in Deutschland geläufigeren Begriff „Vereinheitlichung“, da dieser aus seiner Sicht eine negative Konnotation trägt. Lautenbacher ist Promovend an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz unter der Betreuung von Herrn Prof. Dr. Maner. Im Zentrum des Vortrags standen die Forderungen der Sozialdemokrat*innen in Rumänien nach Autonomie und Selbstverwaltung, welche besonders intensiv in der Zwischenkriegszeit in der Bukowina gefordert wurden. Der Vortrag untersuchte anhand vielfältiger Presseerzeugnisse, welche Auseinandersetzungen innerhalb der Sozialdemokratie es um das Autonomiekonzept gab und wie diese Debatte in den Kontext von Fragen zu Sprache, Nationalität und Regionalität innerhalb der Arbeiterbewegung eingebettet wurde. Lautenbacher skizzierte innerhalb dessen die Entwicklung der Sozialdemokratie hin zum Austromarxismus und die Vorstellung von Rumänien als ein Mehrnationalitätenstaat bzw. einem nationalen Staat mit starken Minderheiten.


Alexandru Aioanei, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Academia Română, Filiala Iași, hielt einen Vortrag über die Rumänisch-Sowjetische Grenze der Bukowina nach 1944. Er ging der Frage nach, inwiefern das kommunistische Regime in Bukarest die Grenze zur Sowjetunion institutionell und symbolisch errichtete. Er präsentierte die verschiedenen Mechanismen, mit denen die Vorstellung eines „Eisernen Vorhangs“ konstruiert wurde. Zu diesen gehörten Stacheldrahtzäune, Wachtürme, eine erhöhte Militärpräsenz an den Grenzen sowie aggressive Propaganda.


Kristina Wittkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Passau, stellte ihr Buch „Borderland Societies in East-Central Europe. Heterotopias, transculturality and identities in spatial manifestations (with special emphasize on Ukrainian Bukovina)” vor, das demnächst im Logos Verlag erscheint. In dem Sammelband werden interdisziplinäre Einzelstudien zu verschiedenen Regionen in Osteuropa vorgestellt, ein Fokus liegt dabei auf dem ukrainischen Teil der Bukowina. Borderlands sind nicht nur geografischer Räume, sondern besitzen einen künstlichen, kommunikativen und kulturellen Charakter. Diesen zeigte Wittkamp anhand verschiedener Beispiele aus dem Buch auf, darunter beispielsweise die Identitätsdiskurse zwischen Zionismus und Assimilation der sehr heterogenen jüdischen Bevölkerung der Bukowina oder der adeligen Elite und deren Einfluss auf den Wiener Hof.


Prof. Kurt Scharr widmet seinen Abendvortrag dem Prozess der Eingliederung der Bukowina in das Habsbugerreich. Er zeichnete dabei den Aneignungs- und Integrationsprozess von der militärischen Besetzung der Bukowina (1774) bis hin zum Status eines eigenständigen Kronlandes (1849) nach. Die Erwerbung der Bukowina durch die Habsburger geschah aus strategischem Kalkül. Der Begriff „Binnenkolonisation“ sei für die Bukowina nicht ganz zutreffend, da sich das Verhältnis zwischen den Habsburgern und der Bukowina doch sehr ambivalent gestaltet. Es reichte von einem vermeintlichen Status an der Peripherie bis hin zu einer zeitweise tonangebenden autonomen Region. Eine Verklärung der Bukowina setzte erst im Jahr 1918 ein, nachdem die Bukowina an das rumänische Königreich fiel. Unter der neuen Herrschaft waren die 1920er Jahren politisch instabil, wodurch die frühere gesellschaftliche und kulturelle Ordnung unter den Habsburgern zunehmend idealisiert wurde.


Zweiter Tag

Der zweite Tag der Konferenz legte einen besonderen Schwerpunkt auf jüdische Perspektiven in der Bukowina. Die Vortragenden brachten unterschiedliche Perspektiven und akademische Hintergründe ein und repräsentierten verschiedene Karrierestufen, von BA-Studierenden bis hin zu Professorinnen und Professoren. Die Präsentationen umfassten Themen aus der Sozial-, Militär- und Politikgeschichte sowie aus der Literaturwissenschaft und Anthropologie und konzentrierten sich auf Schlüsselmomente des 19. und 20. Jahrhunderts. Sie beleuchteten jüdisches Leben in der Bukowina sowohl aus einer Top-Down- als auch aus einer Bottom-Up-Perspektive. Die lebhaften Diskussionen im Anschluss an die Vorträge befassten sich mit den komplexen Ursachen für (anti-jüdische) Gewalt, entzauberten die Mythen rund um die Geschichte der Bukowina und analysierten die Idee von „imagined Bukowinas“.


Den Auftakt des Tages bildete die Projektvorstellung von PD Dr. Borbála Zsuzsanna Török von der Universität Wien mit dem Titel The Impact of Civil Justice Reforms in the Late Habsburg Monarchy: Test Case Bukovina (https://habsburg-civil-justice.univie.ac.at/). Das Projekt, das auf bislang unterforschten Statistiken zum Zivilrecht basiert, untersucht die Auswirkungen prozeduraler Reformen des österreichischen Zivilprozessgesetzes (ZPO) auf die Gesellschaft auf regionaler Ebene in beiden Teilen der Habsburgermonarchie. In ihrer Präsentation analysierte Török mögliche Gründe, warum die Bukowina zu einem Hotspot für Gerichtsverfahren über geringwertige Gegenstände wurde, und richtete den Fokus auf Fragen des Vertrauens zwischen ethnokonfessionellen und sozialen Gemeinschaften sowie auf das Vertrauen in den Staat.

Perspectives on Habsburg Bukovina

Das erste Panel widmete sich MA- und PhD-Projekten zur Habsburgischen Bukowina. Agathe Formanek von der Universität Wien analysierte die soziopolitischen Dynamiken der Region anhand der stenografischen Protokolle des Bukowiner Landtags (1908–1913), einer Zeit, in der der Bukowina-Kompromiss verhandelt wurde. In ihrer Präsentation stellte sie die Erzählung von Harmonie in diesen Diskussionen infrage, indem sie Beispiele für anti-jüdische Aussagen beleuchtete. Außerdem untersuchte sie Narrative über wahrgenommene und tatsächliche Benachteiligungen zwischen ethnokonfessionellen Gruppen und politischen Parteien.


Tobias Neubauer von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg hielt einen Vortrag über Frauenbilder und sexuelle Gewalt in der Bukowina während des Ersten Weltkriegs. In seinem fundierten Beitrag beleuchtete er die Herausforderungen bei der Interpretation von Schweigen und Andeutungen in den Quellen, die propagandistische Nutzung solcher Aussagen, ihre entmenschlichenden Narrative und die Rolle, die das Bild von Frauen bei der Wahrnehmung sexueller Gewalt spielte. Er kam zu dem Schluss, dass die Thematisierung sexueller Gewalt durch politische und militärische Akteure häufig eng mit abwertenden Frauenbildern verbunden war, die Frauen mit Prostitution, Spionage oder Kollaboration in Verbindung brachten.


Cole Ashkenazy von der Central European University in Wien präsentierte zum Thema Czernowitz und das Gedächtnis der Habsburgermonarchie 1920–1928. Er untersuchte, wie die deutschsprachigen Minderheiten der Bukowina, sowohl jüdische als auch nicht-jüdische, in den 1920er Jahren auf das Ende der Habsburgermonarchie reagierten. Ashkenazy analysierte die Presseberichterstattung zu zwei zentralen Ereignissen: den gescheiterten Putschversuchen von Kaiser Karl in Ungarn (1922 und 1928) und den Reaktionen auf den 10. Jahrestag der Eingliederung der Bukowina in Rumänien. Er zeigte auf, wie sich die Haltungen zwischen 1922 und 1928 veränderten, und kam zu dem Schluss, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit in diesen Artikeln häufig dazu genutzt wurde, Fragen zur Zukunft zu thematisieren.

Jewish Experiences of Bukovina

Die beiden Vorträge im zweiten Panel befassten sich mit jüdischen Erfahrungen in der Bukowina. Dr. Anca Filipovici vom Rumänischen Institut für Forschung über Nationale Minderheiten in Cluj hielt einen Vortrag mit dem Titel The Fall from Innocence: Jewish Adolescents and Politics in Interwar Bukovina (Der Verlust der Unschuld: Jüdische Jugendliche und Politik in der Zwischenkriegszeit in der Bukowina). Sie untersuchte die politischen Einstellungen rumänischer und jüdischer Oberschüler und Oberschülerinnen in der Zwischenkriegszeit. Filipovici zeigte, wie die faschistische Legionärsbewegung die Energie der Jugend für ihre Zwecke nutzte und wie jüdische Jugendliche daraufhin politisch aktiv wurden, sei es in der kommunistischen Bewegung, dem Bund oder verschiedenen zionistischen Organisationen. Sie betonte außerdem, wie eng diese politischen Mobilisierungen mit neuen Idealen von Männlichkeit verknüpft waren.


Julie Dawson, Doktorandin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, präsentierte einen Vortrag über das jüdische Leben in der Peripherie der Bukowina, mit einem Fokus auf die Stadt Waschkoutz im Rumänien der Zwischenkriegszeit, dargestellt aus der Perspektive einer Familie. Mithilfe eines mikrohistorischen Ansatzes zeigte sie, wie die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Rumänien anhand der Lebensgeschichte einer jüdischen Frau erzählt werden kann, die aus einer Familie von Beamten in der Peripherie der Habsburgermonarchie stammte. Diese Familie fungierte während der politischen Umbrüche als sprachlicher Vermittler. Dawson argumentierte, dass die Widersprüche und Komplexitäten des Lebens in der Zwischenkriegszeit, wie sie durch die Erfahrungen dieser Familie sichtbar werden, verdeutlichen, wie viel über diese Zeit und den darauf folgenden Genozid noch unklar oder unverstanden ist.

Mental Homelands: Bukovina Through the Lens of Literature

Das dritte Panel, Mental Homelands: Bukovina Through the Lens of Literature (Mentale Heimaten: Die Bukowina durch die Linse der Literatur), konzentrierte sich auf fiktionale Darstellungen der Region. Maximilian Kathan von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg präsentierte die Imagologie von „Osten“ und „Westen“ in den Reiseberichten, autobiografischen und fiktionalen Werken von Karl Emil Franzos, darunter Aus Halb-Asien und Die Juden von Barnow. Kathan zeigte, wie Franzos einen Übergangsraum zwischen „europäischer Zivilisation“ und „östlicher Rückständigkeit“ konstruierte. Dabei diente Franzos’ Fixierung auf weiße Tischdecken als Beispiel – ein Symbol dessen, was er als Kriterium für Zivilisation ansah.


Alexandra Pătrău von der „Alexandru Ioan Cuza“-Universität in Iași untersuchte, wie die Bukowina in den Werken deutschsprachiger Czernowitzer Autoren und Autorinnen wie Paul Celan, Rose Ausländer und Gregor von Rezzori dargestellt wird. Ihre Analyse beleuchtete den Wandel von idyllischen Kindheitserinnerungen hin zur Realität der Gegenwart, die Kontraste zwischen Landschaften und die Dekonstruktion des Bukowina-Bildes zu „imaginierten Bukowinas“. Sie hob die Transformation der Bukowina von einem „Schmelztiegel“ und rhizomatischen Raum hin zu einem Meridian hervor – einer einzigartigen literarischen Synthese aus Ort, Raum und Erinnerung.


Sara Sosinski (LMU München) hielt einen Vortrag mit dem Titel The Struggle Between Tradition and Modernity – Literary Dialectics in Olha Kobyljanska’s Oeuvre (Der Kampf zwischen Tradition und Moderne – Literarische Dialektik im Werk von Olha Kobyljanska). Sosinski analysierte Kobyljanskas Novellen Eine Schlacht (1898) und Valse Mélancolique (1904) und zeigte, wie diese die Spannungen zwischen Tradition und Moderne thematisieren. In Eine Schlacht kritisiert Kobyljanska die industrielle Ausbeutung der natürlichen Schönheit der Bukowina, die sie als gewaltsame Invasion beschreibt und die das traditionelle Leben bedroht. Valse Mélancolique hingegen konzentriert sich auf das Innenleben unabhängiger Frauen, die die feministische „Neue Frau“ verkörpern und traditionelle Geschlechterrollen hinterfragen. Sosinski betonte die fortwährende Relevanz dieser beiden Novellen für gesellschaftspolitische Debatten über kulturelle Bewahrung, Feminismus und Modernisierung.


Visions of Homeland: Narratives of those who go and those who stay

Das letzte Panel des zweiten Tages widmete sich Visionen von Heimat und beleuchtete die Geschichten derjenigen, die die Bukowina verlassen haben, sowie derjenigen, die dort geblieben sind. Henriette Scholz von der Friedrich-Schiller-Universität Jena eröffnete das Panel mit einem Vortrag über die Umsiedlung der Bukowinadeutschen während des Dritten Reichs (1938–1940). Ihre Forschung stützte sich auf Oral-History-Interviews aus der Sammlung des Bukowina-Instituts und konzentrierte sich auf die Migration dieser Gruppe von der Bukowina nach Deutschland. Scholz sprach über die Herausforderungen bei der Arbeit mit mündlichen Quellen und beleuchtete die Rolle der Propaganda sowie die Bedeutung des Begriffs Heimat für diese Familien, die nur 50 Kilogramm an Habseligkeiten mitnehmen durften. Sie argumentierte, dass die Koffer der Migranten und Migrantinnen als materielle Zeugnisse dienen, die die Geschichten und Erfahrungen dieser vertriebenen Menschen bewahren.


Der abschließende Vortrag der Konferenz schlug eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zeigte, wie viele der in den historischen Panels behandelten Themen auch heute noch relevant sind. Ioana Brunet, Sozialanthropologin an der Universität Regensburg, hielt einen Vortrag mit dem Titel Populism in a Thriving Border Town: Touristification and Its Local Discontent (Populismus in einer florierenden Grenzstadt: Tourismus und lokaler Unmut). Sie untersuchte, wie selektive historische Erinnerungen von politischen Akteuren und populistischen Bewegungen instrumentalisiert und kommerzialisiert werden, insbesondere im Kontext einer tourismusgetriebenen Entwicklung. Brunet führte den Begriff mnemonischer Populismus ein, um eine Praxis zu beschreiben, bei der bestimmte Aspekte der Vergangenheit gezielt erinnert, andere jedoch bewusst ignoriert werden – wie etwa die jüdische Geschichte der Stadt oder die Geschichte der Shoah.

Die Tagung wurde gefördert durch: