Die Forschungsarbeit vergleicht und analysiert Dokumente der schwäbischen psychiatrischen Einrichtungen („Kreis-Irren-Anstalt“ Irsee 1849, „Heilanstalt für Geisteskranke“ Kaufbeuren 1879, „Heil- und Pflegeanstalt“ Günzburg 1915) in ihren jeweiligen Anfangsjahren sowie in spezifischen Krisenzeiten innerhalb des 19. und 20. Jahrhunderts. Ergänzend wird eine punktuelle Gegenüberstellung mit der „Bukowinaer Landes-Heil- und Pflegeanstalt Czernowitz“ (Gründung 1902) angestrebt, der einzigen Psychiatrie in der Bukowina, dem äußersten Kronland der Habsburger Monarchie, zu deren Nachfolgeinstitutionen heute mit Schwaben eine enge Kooperation besteht.
Die Geschichte und Auswertung der Patientenakten und psychiatrischen Dokumente stellen ein Forschungsdesiderat dar, sind diese doch untererfasst und bisher nicht erforscht worden. Die Arbeit rückt dabei, erstens, mit einer qualitativ-quantitativen Methodik das sozioökonomische Umfeld der Patient*innen in den Fokus und eröffnet so neue Perspektiven auf historische Gruppen- und Geschlechterdynamiken sowie gesellschaftliche Wahrnehmungen. Zweitens, wird dazu die Frage nach veränderten Diagnosen und medizinischen Behandlungsmethoden in Beziehung gesetzt.
Grundlage der Analyse ist ein einzigartiges Quellenkorpus, das bereits in großen Teilen erfasst, zu 70% digitalisiert und auf diese Weise für die qualitativ-quantitative Analyse bereits vorbereitet worden ist. Die zusammengestellten Patientenakten geben unter anderem Aufschluss über die Berufe, die Wohnorte, die Religion und das Geschlecht der Patient*innen. Zudem werden darin die Diagnosen, Entlassungsdaten und (Vor)Krankengeschichten dokumentiert. Die Patientenakten beinhalten neben den Krankenakten selbst noch Verwaltungsakten und oftmals private Schreiben der Patient*innen, wie Briefe und Zeichnungen. Verwaltungsdokumente, wie Jahresberichte ermöglichen es darüber hinaus, weitere ökonomische und makrohistorische Zusammenhänge auszuwerten und dazu ins Verhältnis zu setzen.
Ziel ist eine Überführung der gesammelten Daten in verschiedene soziale Raster, um zu zeigen, wer die Patient*innen waren und aus welchen Gründen sie in welche Einrichtungen für welchen Zeitraum eingewiesen wurden. Damit einhergehend lässt sich ein genaueres Bild des Klinikalltages im ausgehenden 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellen. Vor diesem Hintergrund wird ferner nach den zeitgebundenen Strukturen in unterschiedlichen politischen Machtverhältnissen (Habsburger Monarchie, Königreich Bayern, parlamentarischer Demokratie und nationalsozialistische Diktatur) gefragt, um neue Erkenntnisse zur Entwicklung des Fürsorge- und Psychiatriewesen zu gewinnen. Diese können Aufschluss darüber geben, wie ökonomische, sozial- und gesellschaftspolitische Entwicklungen im Staatskorpus wahrgenommen werden.
Die ergänzende vergleichende Perspektive auf ein Fallbeispiel aus dem südöstlichen Europa zeigt auf, wie sich Werturteile und Deutungsmächte regional verändert haben und welche Unterschiede erkennbar sind. Hierbei wird auch verdeutlicht, welche nationalen und regionalen Einflüsse auf die Diagnose und Behandlung der Patient*innen einwirkten. Die Krankheitsbilder wandelten sich einerseits durch medizinische Fortschritte und wissenschaftliche Errungenschaften, aber auch durch gesellschaftliche, regional unterschiedliche Normen und Moralvorstellungen.
Die Ergebnisse der Promotion werden in einer Monografie veröffentlicht. So wird ermöglicht, insbesondere durch ihre vergleichende und internationale Perspektive, auch 50 Jahre nach der Psychiatrie-Enquete in Deutschland, Anknüpfungspunkte und gesellschaftlich relevante Auswertungen darzulegen und ins Verhältnis der bisherigen gesellschaftlichen Entwicklungen zu setzen.
