Bewegte und bewegende Erinnerungsarbeit

Jüdische Lebensgeschichten aus der Bukowina in der Graphic Novel „Blindekuh mit dem Tod“ sowie den Theatern Düsseldorf und Czernowitz

Es ist die Frage nach der Zeitzeugenschaft, die auch mit dem Blick auf die Bukowina relevant ist. Mykola Kushnir, Leiter des jüdischen Museums Czernowitz, verfolgt schon lange einen lebenswirklichen Zugang zu den Themen der jüdischen Kultur und auch des Holocaust sowie den verschiedenen Vertreibungen, die für die Bukowina im 20. Jahrhundert prägend waren. Schüler*innen und Besucher+innen des Museums können sich von den biografischen Erinnerungen im Museum in Tscherniwzi diesen Lebenswelten nähern. Außerhalb des Stadtgebiets sowie jenseits der Staatsgrenzen sind die Zugänge zu diesem Teil der Geschichte(n) des 20. Jahrhunderts schwieriger.

Aufgrund der vielfach internationalen Verflechtungen sowie dem lokalen Schwerpunkt auf Bildungsarbeit mit Schulen, entstand die Idee, ausgewählte Lebensgeschichten im Rahmen einer Graphic Novel festzuhalten und somit zeitgemäß zugänglich zu machen. Die Bild-/ Textgeschichte „Blindekuh mit dem Tod“ im Umfang von gut 100 Seiten wurde gemeinsam von Anna Yamchuk, Mykola Kushnir, Natalya Herasym erarbeitet und von Anna Tarnowezka graphisch umgesetzt. Das Buch wurde im Mai 2023 im Kleinen Goldenen Saal in Augsburg von Matthias Richter (Projektkoordinator Erinnerung-lernen) und Herbert Rubinstein im Rahmen einer Veranstaltung des Bukowina-Instituts präsentiert.

Im Zentrum des Buchs stehen Kindheitserinnerungen von Miriam (Mimi) Taylor (geborene Reifer), Herbert Rubinstein, Josyf Elgieser, Josef Bursuk sowie Selma Meerbaum-Eisinger, die alle zwischen 1924 und 1937 im zwischenkriegs-Czernowitz/ Cernăuți geboren wurden. Sie verbrachten große Teile der Kindheit und Jugend im Ghetto, in Lagern in Transnistrien und/ oder Verstecken in der Region. Selma Meerbaum-Eisinger verstarb 1942 entkräftet in einem Lager in Transnistrien. Sie wurde 18 Jahre alt und hinterließ Gedichte, die das Leben preisen, aber auch die stete Anwesenheit des Tods nicht aussparen. Basierend auf der Graphic Novel und verstärkt durch vertonte Gedichte Selma Meerbaums wurden die Geschichten für das Theater adaptiert. Am 6. April d.J. wurde die Premiere im Düsseldorfer Schauspielhaus gefeiert. Neben Gästen aus Politik und Kunst (u.a. der Oberbürgermeister Düsseldorfs, Dr. Stephan Keller) war auch Herbert Rubinstein mit seiner Frau Ruth anwesend. Sein Wiedersehen mit Mimi Taylor 2018 in Tscherniwzi, knapp 70 Jahre nach ihrer letzten persönlichen Begegnung, legte den Grundstein für die Erarbeitung dieser Geschichten in Buchform. Mimi Taylor verfolgte die weiteren Arbeiten aus den USA, wo sie seit Jahrzehnten lebt. Josyf Elgieser verstarb als bekannter Musiker im Jahr 2014, ebenso wie der beliebte Czernowitzer Arzt, Josyf Bursuk. Ihre Lebensgeschichten stehen beispielhaft für die Vielfalt und den Verlust des jüdischen Lebens in der Bukowina. Umso wichtiger, dass sie nun in modernen Formen, mit Bild und Ton, für Zeitgenossen zugänglich sind. Im Rahmen der Bemühungen um die Städtepartnerschaft Düsseldorf – Czernowitz wurde gleichzeitig zur Premiere des Theaterstücks „Blindekuh mit dem Tod“ eine ukrainische Fassung erarbeitet. Diese wurde bereits am 11. April im Festsaal des Jüdischen Hauses, in dem sich auch das Museum befindet, uraufgeführt. Das Projekt wurde gefördert durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW sowie der Landeszentrale für politische Bildung NRW. In Kooperation mit dem Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Düsseldorf – Czernowitz e.V.


Katharina Haberkorn - Europabüro, Bezirk Schwaben
15.04.2025